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  • michael santak

Wie politisch ist Popmusik?

Aktualisiert: Jan 4

Erste Antwort: gar nicht. Doch Musik kann Stimmung machen. Für diesen Zweck lässt sie sich leicht instrumentalisieren – ob von Gottesdiensten, Reichsparteitagen, Rock gegen Rechts, Life Aid oder Adorno. Dieser meinte, Musik könne den Menschen eine Art Spiegel vorhalten und die Welt immanent aus den Angeln heben – zumindest das Bewusstsein einer besseren Welt aufbewahren.


Zweite Antwort: durchaus, doch weder links noch rechts. Musik kann von jeder politischen Richtung und jeder religiösen oder sexuellen Orientierung für sich vereinnahmt werden. Musik drückt Stimmungen aus und ein bestimmtes Lebensgefühl. Dieses Lebensgefühl besitzt neben einer privaten Dimension auch eine soziale und manchmal sogar eine politische.


In diesem Forum geht es um die gesellschaftskritische Relevanz von Pink Floyd im Speziellen und von Popmusik im Allgemeinen. Pop-Kultur umfasst viel mehr als das Erleben von Popmusik. In ihr werden Lebensgefühle, Einstellungen und Abgrenzungskulturen gebildet. Beispielsweise spielte Popmusik einen aktiven Part in Bewegungen wie denen der 1968er, der Hippies und Punks. Somit hat Pop-Kultur Anteil an gesellschaftlichen Entwicklungen.

Musiker können mit ihren Songs Menschen ansprechen und politische Botschaften transportieren. Doch inwiefern kann Pop-Kultur als gesellschaftskritisches Kommunikationsmedium fungieren? Und können durch Pop-Kultur gesellschaftskritische Themen angestoßen und diskutiert werden?

Um diese Fragen zu beantworten, muss ich ein bisschen ausholen: Die Sechziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts betrachte ich als eine äußerst disruptive Periode der Geschichte, die noch immer nicht angemessen in unser historisches Bewusstsein integriert ist. Die Sechziger signalisierten eine neue Sichtweise auf die Welt. Werte wie Freiheit, Liebe und Frieden verdrängen Nachkriegsnöte und Wiederaufbau. Dabei spielen Rockmusik und Psychedelik herausragende Rollen oder besser gesagt: Die Ideen, die hinter Rockmusik und Psychedelik stehen und durch sie vermittelt werden, sind völlig andere als die Ideen und Werte der Fünfziger-Jahre, die der neuen Generation als besonders spießig und muffig gelten.

Die neuen Ideen, Werte und Emotionen der Sechziger drücken sich in neu entstehenden musikalischen Formen aus. Rockmusik wird für Musiker zu einem kraftvollen Ausdrucksmittel für Nachkriegsgefühle wie Sinnlosigkeit und Einsamkeit sowie Entfremdung und Selbstverlust.

Auch für die Hörer ist Rockmusik ein mächtiges Heilmittel, um den Selbstverlust in den Nachkriegsjahren zu überwinden. Die Wirkung der Musik wird verstärkt durch Psychedelika wie Haschisch, Marihuana und LSD. Das sind noch wirkungsvollere Mittel, um Einsamkeit und Entfremdung, aber zugleich auch jener Welt ein Ende zu setzen, die als fremd und veraltet empfunden wird. Rock und Psychedelik zusammen haben jedoch auch auf negative Weise zusammengewirkt und viele Opfer gefordert. Syd Barrett, der Gründer und Lead-Gitarrist von Pink Floyd, war einer davon.

Die Sechziger sind eine quasi-religiöse Reaktion auf die Gefühle von Entfremdung und Sinnlosigkeit der Nachkriegsgeneration. Sie sind kein unmittelbar politisches Phänomen und doch zutiefst politisch – wenn auch nicht im gewöhnlichen Links-Rechts-Schema, denn die eigentliche Politik der sechziger Jahre besteht mehr im Anarchismus als im Kommunismus. Die Radikalen der sechziger Jahre sind von der Überzeugung getrieben, dass die alte Kultur obsolet ist. Deshalb sehe ich im Verlust des Vertrauens in Vorstellungen von Stabilität und Sicherheit sowie Traditionen, Normen und konservativer Beständigkeit das nachhaltigste Erbe der Sechziger.

Wegen seiner rebellischen und emanzipatorischen Botschaften identifizierte das FBI, das amerikanische Federal Bureau of Investigation, die Rockmusik als „eine definitive Gefahr für die Sicherheit der Vereinigten Staaten“. Im Fadenkreuz der Fahnder standen vor allem Elvis Presley und John Lennon, aber auch Jimi Hendrix und Janis Joplin. Der Vorwurf: Ihre expressiv-ekstatische Musik „untergräbt die Moral der amerikanischen Jugend“. Insbesondere John Lennon hatte sich mit seinem Engagement in der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung unbeliebt gemacht. Im März 1971 erschien sein Song „Power to the People“ mit einem für einen Rockmusiker ungewöhnlich deutlichen politischen Statement. Bereits 1969 lieferte der Refrain seines Songs „Give Peace a Chance“ den Vietnam-Demonstranten einen provozierenden Slogan. Sie sangen statt „All we are saying is give peace a chance“: „All we are saying is get Nixon’s ass“.

Zu dieser Zeit akzeptierte das Publikum Rockmusik als politisches Medium. Es debattierte mit Vehemenz über das gesellschaftsverändernde Potenzial von Musik. Den Zündfunken für diese politisch-kulturelle Massenbewegung hatte Bob Dylan geliefert, als er 1965 auf dem Höhepunkt seiner Popularität als Protestsänger seine Gitarre an einen Verstärker anschloss und den Anstoß für das Verschmelzen der unterschiedlichen Folk- und Protestsong-Bewegungen gab. Diese Fusion war ein Produkt der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und hatte nicht bloß dem traditionellen Lied zu einer politischen Funktion verholfen, sondern auch der afroamerikanischen Musik eine neue Öffentlichkeit verschafft, der es um mehr ging als um ein hemmungsloses Tanzvergnügen. In der Folge entwickelte sich die Rockmusik zum Sound einer weltweiten Kulturrevolution, die allerdings im Lauf der 1970er-Jahre wieder verebbte und spätestens mit dem Ende des Punk-Rock der "Sex Pistols" um 1980 (endgültig) versiegte, gesellschaftlich vereinnahmt und kommerziell verramscht wurde.

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