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  • michael santak

Philosophisches zu Pink Floyd

Aktualisiert: 19. Nov 2019

Im Pink-Floyd-Forum geht es um die soziale Funktion von Musik. Dazu schlage ich vor, Adornos Musikphilosophie heranzuziehen: dessen geschichtsphilosophische These vom Zerfall der bürgerlichen Individualität, die sich im Zuge zunehmender Digitalisierung (Big Data) bewahrheitet hat, dessen sozialpsychologische Kritik der Entfremdung in der westlichen Nachkriegsgesellschaft (Verblendungszusammenhang), dessen Theorie der Kulturindustrie und dessen musikphilosophische Hoffnung auf „autonome“ Musik als Gesellschaftskritik.


Natürlich ist Adorno ein subjektiver Schlüssel zum Verständnis von Pink Floyd, der von meinen persönlichen Vorlieben geprägt ist, doch ich denke, dass Adorno gerade wegen seiner programmatischen Negativität zu deren melancholisch-düsteren Klängen passt, die mich aus diesem Grund schon früh nachhaltig angesprochen haben. Beide sind „dark“ und gleichzeitig auf eine bewundernswerte Weise naiv, denn mit der Gitarre in der Hand die Welt zu verändern - dieser Traum ist mit der Rock- und Popmusik ebenso untrennbar verbunden wie mit der Kritischen Theorie. „We all want to change the world“, sangen die „Beatles“ im Jahr 1968, doch bereits 1971 konstatierten „Ten Years After“ ernüchtert: „I’d love to change the world / But I don’t know what to do / So I leave it up to you“.

Ich sehe Übereinstimmungen in den Bereichen Musik und Philosophie zwischen Adorno und Pink Floyd, weil ich denke, dass deren frühe Stücke als avantgardistische „Neue Musik“ bezeichnet werden können, die Adornos Empfinden von der „bürgerlichen Kälte“ auf künstlerische Weise ausdrücken. An einigen Stücken von Pink Floyd lässt sich die Dialektik von Natur- und Kunstästhetik, die Technisierung der Kunst und den damit verbundenen Verlust der Aura des Kunstwerks, die Denaturierung und Entfremdung des modernen Lebens sowie die Unmöglichkeit der Einzigartigkeit von autonomer Kunst in der kommerzialisierten Kulturwelt zeigen.

Adorno bezog eine philosophische Position außerhalb der Gesellschaft, um diese grundlegend kritisieren zu können. Noch heute bin ich der Meinung, dass Adorno historisch recht hatte gegenüber optimistischeren Philosophen der Frankfurter Schule wie Marcuse, Habermas und heute Hartmut Rosa, was allerdings vor allem daran liegt, dass er niemals eine positive Aussage über das Was und Wie der gesellschaftlichen Veränderung machte, sondern immerzu alles und jeden kritisierte, was ihn nicht unbedingt sympathisch erscheinen ließ. Nicht umsonst stellt Thomas Mann in Kapitel 25 seines Musiker-Romans „Doktor Faustus“ Adorno als „den Geist, der stets verneint“ dar, nämlich als „Teufel“. Die musiktheoretischen Äußerungen des Teufels im Teufelskapitel stammen nahezu wörtlich aus Adornos „Philosophie der neuen Musik“, und zwar mit dessen Erlaubnis. Deshalb hätte Adorno Pink Floyd – wie alle anderen Pop- und Rockgruppen dieser Welt – als gesellschaftlich affirmativ und als Teil der kommerziellen Kulturindustrie abgetan. Aufgrund seiner großbürgerlichen Sozialisation hatte er keinerlei Zugang zu populärer Kultur, deren Authentizität und Kritikpotenzial er verkannte.


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